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LCS

Sticheleien – ein zweischneidiges Schwert

Hänseleien, Sticheleien, Provokationen, Gefrotzel. Sehen wir uns dieses Phänomen genauer an.

Obwohl Sticheleien schon seit jeher Teil des E-Sports sind, stellen sie immer noch ein kontroverses Thema dar. Die Zuschauer und Fans versuchen, das Phänomen zu definieren, wobei die einzelnen Meinungen jedoch weit auseinandergehen. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die unbekümmerte Ausdrucksform in irgendeiner Weise eingeschränkt werden sollte. Sehen wir uns also Sticheleien und ihre Charakteristiken genauer an und versuchen, herauszufinden, warum so viele Leute ein Problem damit haben und ob es sich überhaupt lohnt, sich den Kopf darüber zu zerbrechen.

Warum überhaupt die ganze Aufregung?

Der Ausdruck Stichelei bezeichnet alle Aktionen, Worte oder Handlungen, die, grob gesagt, darauf abzielen, eine andere Person zu nerven. Das englische Wort „Banter“, das in etwa dem dt. Stichelei entspricht, wurde vor allem auf den britischen Inseln gebraucht und hatte eine wesentlich beschränktere Bedeutung. Es bezeichnete Witze zwischen Freunden und Personen, die sich nahestehen. Anders gesagt: Sticheleien fanden zwischen Leuten statt, die wussten, dass es sich bei dem Gesagten um einen Scherz handelte – es war nicht ernst gemeint und sollte niemanden verletzen. Mit der Zeit gewann dieser Ausdruck auch in anderen Teilen der Welt an Beliebtheit. Er hielt in vielen Branchen und Gemeinschaften Einzug und seine Definition verschwamm zunehmend. Somit hielt er auch im Sport und in seinem schnell wachsenden, elektronischen Gegenstück Einzug.

Aktuell gibt es zwei falsche Auffassungen von diesem Ausdruck. Die Leute neigen auf beiden Seiten des Spektrums zu Übertreibungen. Manche reden sich mit Sticheleien heraus, um ihren Mangel an komödiantischem Feingefühl zu entschuldigen, andere sehen sie als Zeichen fehlender Bescheidenheit und Rüpelhaftigkeit. Aber so schlimm kann das Ganze doch nicht sein!

Jactroll: „Heute wird G2 wie ein brachliegendes Feld gepflügt. Marcin ,Jankos’ Jankowski ist vielleicht der erste blonde König, was gut ist, da ihm nach dem Duell mit GODGILIUS nichts anderes übrig bleiben wird, als einer Karriere als Model nachzugehen.“

Ich bin der beste Editor… mit Abstand!

Es gibt genauso viele Gründe für Sticheleien wie es Leute gibt, die darauf zurückgreifen. Wir können nur die mehr oder weniger fundierte Vermutung anstellen, dass hierbei der psychologische Aspekt des Selbstbewusstseins eine Rolle spielt. Das Selbstbewusstsein war im Laufe der Jahre Gegenstand vieler Studien, und obgleich es Unterschiede zwischen normalen Sportarten und dem E-Sport gibt, können viele Erkenntnisse auch auf die Kluft bezogen werden. Selbstbewusstsein ist das Gefühl, gut genug zu sein, und das lässt sich nur schwer genau definieren. Egal, ob es um Elfmeter im Fußball, Freiwürfe im Basketball oder ein perfektes „Todesurteil“ von Thresh geht: Im Grunde geht es darum, zu gewinnen und den Gegner zu besiegen.

Es ist schwierig zu erklären, aber ich bin mir sicher, dass jeder, der diesen Artikel liest, dieses Phänomen kennt. Wenn du kurz darüber nachdenkst, sollte dir mindestens ein solcher Moment einfallen. Das Gefühl, wie ein Profi gespielt zu haben. Egal, ob du deinen Gegner immer wieder tötest, nach jedem Kill deinen Sticker spammst oder an der Stelle tanzt, wo der Gegner ins Gras gebissen hat. Die Zufriedenheit nach einem guten Spiel hat wahrscheinlich auch dein Selbstvertrauen gesteigert. In gewisser Weise wusstest du, dass deine Zeit gekommen war – du warst besser als die anderen Spieler in dieser Division. Häufig führte ein Sieg zu einem weiteren. Obwohl es sich instinktiv so anfühlt, als wären deine guten Spielzüge an diesem Tag der Grund für diese Gefühle, muss das nicht immer der Fall sein. Manchmal kannst du diesen Zusammenhang umdrehen und in solchen Fällen können Sticheleien extrem nützlich sein.

Anscheinend ist es nicht nur möglich, sondern sogar empfehlenswert, dein Gehirn auszutricksen, vor allem in einem Feld wie dem E-Sport. Es gibt da ein bekanntes Sprichwort: „Durch Schein zum Sein“. Damit ist gemeint, dass man sich selbst einreden kann, selbstbewusst zu sein, um dieses Gefühl auch wirklich hervorzurufen. Aber was hat das mit Sticheleien und Provokationen zu tun? Nun, stell dir vor, du sitzt auf einer Bühne vor Hunderttausenden Zuschauern. Es ist eine Herausforderung, zu einer der besten Mannschaften der Welt zu gehören. Du musst um große Preise, Ehre, Trophäen und Ruhm kämpfen. Das mag leichter klingen, wenn man in einem bequemen Stuhl sitzt, aber in der Kluft hast du nicht nur mit talentierten Gegnern, sondern auch mit dir selbst zu kämpfen. Und glaub mir, selbst wenn du es mit Faker höchstpersönlich zu tun hättest, wäre er in diesem Moment nicht unbedingt dein größter Gegner.

Sticheleien eignen sich bestens dazu, sich selbst zu therapieren. Wenn du deinen Worten Taten folgen lassen kannst, wird aus dem vorgetäuschten Selbstvertrauen schnell echtes Selbstvertrauen. Es ist wie eine sich selbst bewahrheitende Prophezeiung – du legst ein gewisses Verhalten an den Tag und die Reaktionen der Zuschauer bringen dich dazu, dich der Rolle anzupassen, die du selbst erschaffen hast. Kompliziert?

Bissiger Exhibitionismus

Es ist jedoch etwas ganz anderes, mit seinem Spiegelbild zu reden, als bissige Bemerkungen auf Twitter zu machen, oder? Wenn es um Angeberei geht, gilt es einen weiteren Faktor zu berücksichtigen, der vielleicht sogar der wichtigste ist: den menschlichen Faktor. Wir müssen unsere eigenen Gefühle berücksichtigen. Ein guter Spielzug kann dein Selbstbewusstsein stärken und dich für deine nächsten Spiele motivieren. Fans, denen bissige Bemerkungen gefallen, verstärken das Momentum genau wie jeder zur Strecke gebrachter Gegner. Mit der richtigen Einstellung können sogar negative Bemerkungen von Teilen der Community das Momentum weiter ankurbeln. Spieler mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein können sogar noch mehr Risiken eingehen, wenn sie das Gefühl bekommen, es allein mit der ganzen Welt aufnehmen zu müssen. Der interne Konflikt mit Stress, Angst und Zweifeln kann während eines Spiels dank übermäßigen Selbstvertrauens verblassen.

Forgiven, ein ehemaliger Spieler der EU LCS und einer der besten AD-Carrys seiner Zeit, war für seine spitze Zunge bekannt. Und während man sein gewaltiges Talent nicht leugnen kann, wäre es genauso unmöglich, den Einfluss seines legendären „by far“ (dt. mit Abstand) auf sein Image und seine Position in der Kluft zu leugnen.

Andererseits muss man auch die Kehrseite der Medaille berücksichtigen. Jeder Bemerkung, egal wie bissig, sollte an einen Adressaten gerichtet sein, um als Stichelei bezeichnet werden zu können. Forgiven hat vor allem im Kontext der ganzen Gruppe angegeben – er machte sich über alle anderen Carrys der Liga lustig und es lag an ihnen, zu entscheiden, ob sie sich dadurch provoziert fühlten. Andere Leute lassen es wesentlich persönlicher werden und richten ihre Bemerkungen direkt an ihre Gegner. Der Kopf ist nicht länger das Schlachtfeld und das verzweifelte Bedürfnis, ihren Selbstwert unter Beweis zu stellen, verlagert sich vom Angreifer zum Ziel. Selbst der beste Spieler der Welt beginnt, an sich zu zweifeln, wenn er es mit einem überzeugenden Gegner zu tun hat. Hierbei handelt es sich um einen Vorteil, der zwar außerhalb des Spiels seinen Ursprung hat, sich jedoch direkt auf das Spiel auswirkt. Minitroupax erinnert sich in einem Interview an all seine siegreichen Schlachten mit Upset und sät bei seinem Gegner Zweifel. Wenn diese Saat zu wachsen beginnt, kann sie die bevorstehenden Schlachten beeinflussen.

Vielleicht hat irgendein Spieler des gegnerischen Teams in der Solo-Warteschlange schon einmal versucht, dich zu verunsichern. Vielleicht hattest du einen guten Tag, wurdest dann provoziert und hast danach nicht mehr an den Sieg, sondern an andere, düsterere Dinge gedacht. Du wolltest diesem Spieler beweisen, dass du das Spiel besser beherrschst als er, ohne dabei auf die Strategie und wichtige Ligapunkte zu achten. Teile uns in den Kommentaren mit, ob du schon einmal Ligapunkte verloren hast, weil du jemanden rücksichtslos gejagt hast, der dich nach einem Kill mit Stickern zugespammt hat.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der polnische Spieler Jactroll, der einen Großteil seiner Bühnenpersönlichkeit auf Sticheleien aufgebaut hat. Seit Beginn seiner Karriere hat er immer versucht, irgendwem irgendwas zu beweisen, und mit seinen Siegen in den sozialen Medien angegeben. Als schließlich klar wurde, dass er seinen Worten Taten folgen lassen konnte, sicherte ihm das die Unterstützung der Community. Aber auch er merkte, dass Provokationen ein zweischneidiges Schwert sein können – er musste sich immer wieder Kritik von Fans gefallen lassen, die sich wegen seiner Einstellung von ihm abwandten. Viele seiner Beiträge führten zu gemischten Reaktionen. Die Fans – selbst jene, die ihn jahrelang unterstützt hatten – kritisierten ihn in ihren Kommentaren, da er angeblich negatives Verhalten förderte. Natürlich muss ich nicht erwähnen, dass seine Psychospielchen Vitalitys und seine eigenen Leistungen zu Beginn der Saison wahrscheinlich beeinflusst haben.

Ein Element, das man im Zusammenhang mit Sticheleien nicht vergessen sollte, ist Mäßigung. Sticheleien sollten freundliche Scherze zwischen guten Freunden sein. Und obwohl viel Zeit vergangen ist und Sticheleien immer häufiger die Form von toxischen Provokationen annehmen, sollte man nicht vergessen, dass man sie immer mit Vorsicht und Zurückhaltung einsetzen muss. Sticheleien überschreiten häufig die Grenze des guten Geschmacks. Spieler bewerfen sich gegenseitig mit Schmutz und graben alte Dinge aus, die in der Öffentlichkeit nichts verloren haben. Wenn sich die Spieler und Zuschauer diese einfache Regel zu Herzen nehmen, können wir vielleicht eine unterhaltsame und gesunde Community aufbauen. Aggressionen sollten sich auf die Kluft beschränken, aber Humor und freundliche Sticheleien können ruhig auf Facebook, Twitter und in den Vor- und Nachberichterstattungen in den LCS-Studios zum Ausdruck gebracht werden. Wir haben ein Problem damit, zwischen den Zeilen zu lesen. Sind Spieler zu selbstsicher, werden sie als Rowdys abgestempelt, obwohl wir ihnen vielleicht sogar dankbar sein sollten. In Maßen schadet das dem Geist des Wettkampfs aber nicht, sondern macht ihn vielfältiger und unterhaltsamer.

Brot und Spiele

Der Hauptfokus des Ganzen liegt auf der Show. Es ist die Show, die unsere Aufmerksamkeit erregt, und es ist die Show, die unter Spielern, die Witzeleien und scharfe Wortwechsel austauschen, leidet oder gedeiht. Schließlich geht es beim E-Sport nicht um Zahlen, Statistiken und Aufzeichnungen, die von Computerprogrammen dargestellt werden. Es geht um die Begeisterung. Die Spieler können dank ihres Talents zu wahren Legenden aufsteigen, ihre Persönlichkeiten und ihr Beitrag zur Community können sie aber auch zu Vorbildern für die Fans machen. Doublelift ist einer der besten AD-Carrys in Amerika, aber ist eher unwahrscheinlich, dass er seine Beliebtheit auch durch Bescheidenheit und Anerkennung für seine Gegner erreicht hätte. Die amüsante Vorstellung von Perkz und Jankos bei den Analysten war der Ursprung ihrer Beziehung im Spiel, die jetzt bei G2 Esports so richtig aufblüht. Die Kommentare und Tweets von Gilius machen die Spiele von Vitality doppelt so unterhaltsam, egal ob du hoffst, dass sie gewinnen oder spektakulär verlieren. Jactroll, der für seine Angebereien bekannt ist, verärgert mit seinen Beiträgen auf Facebook weiterhin die polnischen LCS-Fans, verleiht der laufenden Saison jedoch gleichzeitig die nötige Würze. Die oben angeführten Beispiele lassen nur einen einzigen Schluss zu: E-Sport ist nicht nur ein Wettkampf, sondern auch ein großer Spaß und eine gute Show. Manche begeistern mit ihren großartigen Spielzügen und ihrer Bescheidenheit, andere mit ihrer herablassenden Art, die oft geniale Züge annimmt. Manche tanzen auf ihren umgelegten Gegnern, manche geben während Interviews an und manche, wie Jiizuke, schicken ihren Gegnern bei der Championauswahl subtile Nachrichten.

All das wird uns auch beim nächsten Event wieder fesseln. Wir folgen unseren Lieblingsspielern und warten darauf, dass die Spieler, die wir nicht mögen, versagen. Und wir nehmen unabhängig von unserer Position zu diesem Thema an einem mehrschichtigen Spektakel Teil, für das Psychospielchen und Provokationen nahezu unerlässlich sind.

Wie denkst du über Sticheleien?

Bist du der Meinung, dass die Spieler zu weit gehen, oder gefällt es dir, wenn die Kämpfe in Form von spaßigen Bemerkungen auch außerhalb der Kluft ausgetragen werden?

Lass es uns in den Kommentaren wissen!