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In den Kaninchenbau: MSF PowerOfEvil

PowerOfEvil erlebt gerade das erfolgreichste Jahr seiner Karriere, in dem er sich als Person und als Spieler ständig weiterentwickeln konnte. Jetzt bekommt er es mit dem dreifachen Weltmeister SK Telecom T1 zu tun.

Man braucht keine Armee, um einen Hasen zu jagen – so lautet ein altes Sprichwort, das ich mal gehört habe. So etwas würde ein General sagen, bevor er mit seinem treuen Ross in den Wald reitet. Man kann dazu auch Todesurteil sagen. Wer seinen Gegner unterschätzt, endet schnell im Grab. Und SK Telecom T1 bekommt es in Guangzhou mit einem Hasen zu tun.

Misfits Gaming überstand die sogenannte „Gruppe des Lebens“ bei der Weltmeisterschaft 2017, indem sie in die Rolle des Sensenmannes schlüpften. Bei der Gruppenziehung stießen die Fans von den Flash Wolves, von Team WE und von TSM Freudenschreie aus – jeder in dieser Gruppe glaubte, sie nicht nur zu besiegen, sondern auch als Gruppenerster aufzusteigen. Die Misfits galten als leichte Beute, da sie, ähnlich wie Splyce im letzten Jahr, keine Erfahrung hatten. Sie zeigten zwar Potenzial, waren aber für die große Bühne einfach noch nicht bereit. Das glaubten zumindest alle.

Tristan „PowerOfEvil“ Schrage sagte: „Am Anfang hat niemand mit uns gerechnet. Jeder meinte, wir würden Vierter werden. Und hätten keine Chance.“ Der Mid-Laner der MSF war absolut begeistert, als die Mannschaft TSM im Entscheidungsspiel besiegte und sich für das Viertelfinale qualifizierte. Im Zuge dieser Serie schaffte er es, mit Bjergsen und Maple – zwei der angesehensten Mid-Laner der Welt – mitzuhalten und sie teilweise sogar auszuspielen.

PowerOfEvil ist der Meinung, dass MSF bereits bewiesen haben, dass sie ihren Platz bei der WM und im Viertelfinale verdient haben, hat aber auch kein Problem damit, in die Rolle des Außenseiters zu schlüpfen. Er sagte: „Jeder erwartet, dass der Außenseiter verliert. Darum kann man nur gewinnen.“ Er fügte aber auch hinzu: „Ich hoffe, Europa schreibt uns nicht mehr ab. Ich denke, wir haben unsere Region bereits stolz gemacht, aber hoffentlich qualifizieren wir uns auch für das Halbfinale.“

Die Erwartungen an Misfits im Viertelfinale der WM sind aber wahrscheinlich noch geringer als in der Gruppenphase. Das liegt aber keineswegs daran, dass sie sich schlecht präsentiert hatten. Misfits legten in der Gruppenphase einen der interessantesten Spielstile an den Tag – sie übernahmen überall auf der Karte die Initiative und wählten sogar Champions wie Yasuo (keine gute Idee) und Thresh (gute Idee) aus, die derzeit nicht zum Metaspiel gehören. Außerdem sind sie die einzige Mannschaft, der es gelang, ohne den glühenden Rauchschwenker ein Spiel zu gewinnen.

Ich hoffe, Europa schreibt uns nicht mehr ab. Ich denke, wir haben unsere Region bereits stolz gemacht, aber hoffentlich qualifizieren wir uns auch für das Halbfinale.

Darüber hinaus haben sie sich bei den westlichen Fans einen Namen gemacht, als sie den Fanfavoriten TSM im Entscheidungsspiel ausschalteten. Trotzdem würden sie in diesem Viertelfinale auch dann als Außenseiter gelten, wenn sie jedes einzelne Gruppenspiel gewonnen hätten. Der Außenseiterstatus von Misfits hat nichts mit ihrem Spielstil oder ihrem Ruf zu tun. Sie hätten schon eine Zeitmaschine gebraucht und die Geschichte umschreiben müssen, um im Viertelfinale nicht als Außenseiter zu gelten. Und das liegt nur daran, dass sie nun etwas bewerkstelligen müssen, was in der Geschichte der Weltmeisterschaft noch niemandem gelungen ist: Sie müssen Faker und SK Telecom T1 zu Fall bringen.

PowerOfEvil

PowerOfEvil sagte: „Für mich persönlich ist es ein Traum, auf SKT und Faker zu treffen.“ Für ihn wird sich ein Traum erfüllen, den mehrere Millionen Spieler auf der ganzen Welt haben.

Ich hatte diesen Traum auch schon: Ich befinde mich mitten auf der Bühne, während mir tausende Fans zujubeln. Ich stelle mir den perfekten Spielzug vor – ein enges „1 gegen 1“-Duell oder eine Fünffachtötung. Vielleicht schaffe ich es gerade so, den Nexus zu zerstören. Vielleicht gelingt es mir, das Blatt in letzter Sekunde zu wenden. Dabei stelle ich mir jedes Mal einen Gegner vor – einen einmaligen Spieler. Einen gottgleichen Spieler. Und es gibt niemanden, der für diese Rolle besser geeignet ist als Faker.

PowerOfEvil sagte: „Ich versuche, mir jeden Tag vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, SKT und Faker zu besiegen. Ich wäre den ganzen Tag über glücklich, weil ich es mir so oft vorgestellt habe.“ Das ist einer dieser Momente, für den jeder Spieler spielt – es gibt nichts Aufregenderes, als getestet zu werden. Und nichts ist befriedigender, als diese Tests zu bestehen.

Wie das passiert, spielt für PowerOfEvil keine Rolle. Er hat gesagt, dass er gerne bereit wäre, 10-mal hintereinander von Faker getötet zu werden, wenn seine Mannschaft dafür gewinnt. Er ist bereit, für seine Mannschaft alles zu geben. Er hat gelacht und gesagt: „Alle europäischen Mid-Laner haben ihren Stolz und jeder will Faker schlagen. Aber ich will nur gewinnen.

Ich habe die Chance, die Ära von SKT zu beenden und mir einen Namen zu machen – es mit dem besten und bekanntesten Spieler aller Zeiten aufzunehmen – wenn es mir irgendwie gelingt, die Serie zu gewinnen … dann schreibe ich Geschichte.“

Wenn man mal die Namen ihrer Gegner außer vor lässt, ist es gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass Misfits eine Überraschung gelingt. Von allen vier Erstplatzierten der Gruppenphase mussten sich SK Telecom T1 ihre Siege am härtesten erkämpfen. Dabei gehörten vor allem ihre Leistungen im frühen Spiel mit zu den schlechtesten aller Teilnehmer. Im Gegensatz dazu zeigten Misfits immer wieder, dass sie keine Angst davor haben, Risiken einzugehen. Falls es SKT nicht schaffen, sich im Vergleich zur Gruppenphase zu steigern, könnte es Misfits mit ihrer Risikobereitschaft im frühen Spiel gelingen, die Serie zu dominieren.

Ich habe die Chance, die Ära von SKT zu beenden und mir einen Namen zu machen – es mit dem besten und bekanntesten Spieler aller Zeiten aufzunehmen – wenn es mir irgendwie gelingt, die Serie zu gewinnen … dann schreibe ich Geschichte.

Hierbei handelt es sich allerdings um ein großes „Falls“. Das Geheimnis von SKTs langer Herrschaft besteht darin, dass sie sich bisher besser als alle Herausforderer an neue Situationen anpassen konnten. Einer der herausragendsten Bestandteile des Mythos, den sich SKT in den letzten Jahren aufgebaut haben, ist, dass sie bisher jeden Rückstand aufholen konnten. Das haben wir auch in der Gruppenphase immer wieder gesehen – sie lagen in vier Spielen schon in etwa 5k Gold (einmal sogar 10k Gold) zurück und schafften es dennoch, drei dieser Spiele zu gewinnen.

Das mag nicht unbedingt die beste Strategie sein. Zumindest für niemand anderes. Aber SKT verdienen sich damit den Lebensunterhalt. SKT sind der Beweis dafür, dass man auf jede Person hören muss, die ihr Team mit den folgenden Worten beruhigen will: „Farmt einfach. Wir skalieren besser.“ Diese Schwäche ist für PowerOfEvil jedoch ein Hoffnungsschimmer.

Er bemerkte, dass SKT im letzten Jahr stärker waren und sagte: „Es wirkt so, als wären SKT und Faker in diesem Jahr schlagbar. Im Moment steht und fällt das Metaspiel mit den AD-Carrys, weshalb die Mid-Laner nicht so im Vordergrund stehen. Und auch Faker macht Fehler: In einem Teamkampf nutzte er Blitz und setzte dann versehentlich Zhonyas Stundenglas ein. Das zeigt, dass er auch nur ein Mensch ist und Fehler macht. Er ist weder unsterblich noch unbesiegbar.“

Ein bisschen Hoffnung (oder in diesem Fall ein bisschen Schadenfreude) kann viel bewirken. Positives Denken gehört zu den wichtigsten Dingen, die PowerOfEvil während seiner Karriere gelernt hat. Er sagte: „Als ich mich für die WM qualifizierte, bekam ich viel Unterstützung von meiner Familie.“ Sie wussten, dass Misfits in einer schwierigen Gruppe gelandet waren, glaubten aber daran, dass sie sie überstehen würden. „Mein Vater hat sofort gesagt, er wünscht sich, dass ich die Gruppenphase überstehe und auf SKT treffe. Er hat nichts von Gewinnen gesagt, nur, dass er hofft, ich würde auf SKT treffen.“ Pass auf, was du dir wünschst, Vater Evil.

Seine Familie hat ihm zwischen allen Spielen an ihrem langen Tag in der zweiten Woche der Gruppenphase geschrieben. Sie haben ihm vor und nach den Entscheidungsspielen Mut zugesprochen. Und das machen sie schon seit einiger Zeit – PowerOfEvil wurde schon während der Spiele in der EU LCS von seiner Familie angefeuert, was ihn immer wieder neu motivierte. „Ich habe beide Seiten erlebt: Ich war der Superstar der UoL und ein verhasster Spieler in Origen. Ich kenne mich also mit beiden Extremen aus. Das hat mir dabei geholfen, mich sowohl als Person als auch als Spieler weiterzuentwickeln. Dabei war es wirklich sehr hilfreich, eine Familie im Rücken zu haben, die mich sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten unterstützte.

In den letzten zwei Jahren habe ich es nicht zur WM geschafft, aber ich wollte immer schon einmal in meiner Karriere hierherkommen. Jetzt habe ich es endlich geschafft. Meine Familie stellt sich einen Wecker, um keines meiner Spiele zu verpassen. Sie haben mich auch schon gefragt, warum ich die Spiele immer so spannend machen muss.“

Ich glaube, viele Fans von MSF können das nachvollziehen – Ich weiß aus erster Hand, dass es nur wenige Dinge gibt, die aufregender und furchteinflößender sind, als einem Familienmitglied auf der Bühne der WM zuzusehen. Es wurde schon viel über die relativ geringe Anhängerzahl von Misfits gesprochen – sie sind mit Abstand die unbekannteste Organisation in Guangzhou. Daher ist es von unschätzbarem Wert, dauerhafte Unterstützer im Rücken zu haben, auf die man sich immer verlassen kann.

Einen Teil dieser Unterstützung hat sich auch auf die Mannschaft übertragen. So sagte PowerOfEvil beispielsweise: „Wir hatten Probleme damit, uns schnell genug auf Dinge einzustellen, und ich war der einzige Spieler, der mit dem Trainer darüber gesprochen hat, was alles schiefgegangen ist, während sich die anderen Spieler zurückhielten. Mein Bruder hat mir gesagt, ich solle die Spieler namentlich ansprechen, um sie dazu zu bringen, auch etwas zu sagen. Wenn jetzt etwas schiefgeht, spreche ich sie direkt an und frage sie nach ihrer Meinung. Mein Bruder zeigt mir, was es heißt, ein Anführer zu sein, und gibt mir immer wieder Ratschläge.“

Die Fähigkeit, stille Leute dazu zu bringen, sich aktiv in Gespräche einzubringen, ist essenziell, wenn man ein Team anführen will. Eine dominante Persönlichkeit kann den Verlauf eines Gesprächs zu stark beeinflussen, wenn sie keine Fragen stellt, sondern nur Aussagen trifft. Die Tatsache, dass PowerOfEvil das erkennt, zeigt mir, dass er seine Rolle als Veteran in einem Team voller Nachwuchsspieler versteht. Und sie wird entscheidend sein, wenn Misfits auf die erfahrensten Spieler der Welt treffen.

PowerOfEvil

Die Offenheit unter den Mitgliedern der Misfits ist der Hauptgrund dafür, dass sie immer noch bei der WM sind. Sie sind alle offen für Kritik und nehmen sich diese zu Herzen, ohne dabei außerhalb der Kluft unnötig aufeinander wütend zu sein. Doch PowerOfEvil sagt auch, dass es selbst in der Kluft Momente gibt, in denen die untere Lane auf Vasallen verzichtet, um ihm einen Vorsprung zu verschaffen und umgekehrt. Jeder vertraut darauf, dass die anderen die Mannschaft zum Sieg führen.

Und in einem Metaspiel, in dem der Mid-Laner den AD-Carry unterstützen muss, ist nichts wichtiger, als seinen Teamkameraden vertrauen zu können. PowerOfEvil glaubt, dass der AD-Carry der MSF, Hans Sama, eine große Zukunft vor sich hat. „Ich könnte mich nicht daran erinnern, ihn jemals ausrasten gesehen zu haben. Weder in der Solo-Warteschlange noch in Übungsspielen. Er hat eine großartige Einstellung. Er ist nie wütend und versucht immer, dazuzulernen und sich zu verbessern.“

Das heißt aber nicht, dass das nicht auch für SKT gilt. Es gibt sogar jede Menge Beweise dafür, dass das bei ihnen genauso ist. SKT hat auf jeder Position wahre Monster. Das Interessante an Misfits ist nicht ihr unstillbarer Hunger nach Ruhm. Es gibt nichts, wofür sie Rache nehmen könnten. Stattdessen sind sie extrem lernbegierig. Das bedeutet, dass sie bereit sind, zusammen Kopf und Kragen zu riskieren. Und das ist für SKT als bekanntes Schwergewicht wiederum wesentlich gefährlicher.

„Es ist ein Unterschied, ob man einen dreifachen Weltmeister oder eine Mannschaft, die nur im Moment sehr stark spielt, besiegt. SKT kann sich selbst aus den misslichsten Lagen befreien, und wenn wir es schaffen, so eine Mannschaft zu besiegen, dann können wir auch das Finale erreichen. Dann können wir es mit jedem aufnehmen.“